„Abbild des Gesprächs, das wir Leben nennen“ [1]

zum Abschied von Karl-Heinrich Ehrenforth

 

Der Hörer bringt in den Verstehensakt den Horizont seiner eigenen Lebens- und Welterfahrung als „Vorverständnis“ ein, das Musikwerk seinerseits steht im geschichtlichen Horizont zunächst seiner Entstehungszeit, später seiner Wirkungsgeschichte. Voraussetzung dafür ist jedoch DAS Werk, welches seine Entstehungzeit entweder stetig (Mozart) oder nicht-stetig (Bach) überdauert. Die Kraft seiner Aussage macht möglich, dass das Werk im Wandel  der Zeiten immer wieder neu und anders zum Hörer spricht, ohne jedoch die Identität zu verlieren.“ [2]

 

Am vergangenen Wochenende, im März 2017, verstarb Prof. Dr. Karl-Heinrich Ehrenforth. Der VDS Niedersachsen verneigt sich vor einer ganz großen Persönlichkeit, die das Bild des Faches als auch das Profil des Fachverbandes ein ganzes Leben lang wesentlich geprägt hat.

Karl-Heinrich Ehrenforth war im „zweiten“ Fach Theologe, und diese Prägung zieht sich durch sein Lebenswerk, etwa, wenn er die Geschichte der Musikerziehung als eine Chronik der Säkularisierung rekonstruiert. [3]

Er war mit Christoph Richter einer der beiden Mitbegründer dessen, was als „Didaktische Interpretation“ in die Geschichtsbücher der Musikdidaktik eingegangen ist. Auf der Basis einer Rekonstruktion des Hermeneutikbegriffes – auch hier wieder, von Schleiermacher über Dilthey bis zu Gadamer fortschreitend, zeigt sich sein theologisch geprägter Ansatz – versuchte er zu ergründen, was es, im Spannungsfeld von „Subjekt“ und „Objekt“, bedeutet, Musik zu „VERSTEHEN“. Dabei, durchaus im Gegensatz zu Christoph Richter, blieb er in Distanz zu dessen  „Erfahrungs“-Begriff: Ihm ging es darum, Musik verstehen zu lehren. So war es, und dabei blieb es. Dabei blieb der Werkbegriff als oberste Autorität für ihn unantastbar.

Karl-Heinrich Ehrenforth war Lehrer für Musikdidaktik in Detmold. Wesentlich ihm ist es zu verdanken, dass die Musikhochschule im kleinen Städtchen im Westfälischen für lange Zeit zu einem Mekka der Musiklehrerausbildung emporwachsen konnte, zu einer Stellung, die sie auch mit Ernst-Klaus Schneider für lange Zeit halten konnte.

Karl-Heinrich Ehrenforth war langjährig Bundesvorsitzender des Verbands Deutscher Schulmusiker. In seinem Grußwort zur Lübecker Bundesschulmusikwoche 1990 war viel von Kampf und Streit die Rede. Er war ein streitbarer Geist, und er verstand sein Amt durchaus martialisch, dies auch in Auseinandersetzungen über das Fach selbst. Dem Verband blieb er zeitlebens eng verbunden, weit über sein Ausscheiden aus dem aktiven Dienst hinaus. Man traf ihn auf der Preisverleihung „Musik gewinnt“ 2006, 2013 auf der Koblenzer Bundesbegegnung „Schulen musizieren“.

Unser Dank für alles und unsere Ehrfurcht begleiten ihn auf seiner letzten Reise.

(Ralf Beiderwieden, 31. März 2017)

 

[1] Die Formel „Abbild des Gesprächs, das wir Leben nennen“ steht am Ende des Aufsatzes von 1986, „Zur Neugewichtung der istorischen und anthropologischen Perspektiven der Musikerziehung“, 1986, in: Handbuch der Musikpädagogik, Bd. 1: Geschichte der Musikpädagogik, S. 294.

[2] Verstehen und Auslegen, 1971, S. 41.

[3] a. a. O., 1986